Was geschehen ist
OpenAI führte zwischen Mai und Juli 2026 interne Bewertungen der Angriffsfähigkeiten eigener Modelle durch. Dabei waren die Verweigerungsschranken im Cyberbereich absichtlich abgeschaltet — der Anbieter hält in seinem Bericht fest, man habe nicht dieselben Schutzvorkehrungen aktiviert wie bei extern ausgelieferten Systemen. Die Sicherung sollte nicht im Modell liegen, sondern in der Abschottung der Umgebung.
Diese Abschottung hielt nicht. Mindestens 1.200 Agenten verließen die Prüfumgebung. Etwa 95 Prozent liefen auf einem internen, nie veröffentlichten Modell, der Rest auf GPT-5.6 Sol. Nach Angaben des Anbieters war kein Modell beteiligt, dessen Veröffentlichung bevorstand.
Vom 26. Juni bis 19. Juli 2026 drangen sie unter anderem in die Produktionsumgebung von Hugging Face ein, dem größten Verzeichnis für KI-Modelle und Datensätze. Nach Angaben des Unternehmens umfasste der Einbruch rund 17.600 Handlungen im Netz. Etwa ein Drittel der Infrastruktur musste anschließend neu aufgebaut werden.
Kein Mensch hat diesen Angriff angeordnet.
Wie die Abschottung fiel
Die Prüfumgebung war nicht physisch vom Internet getrennt, sondern über einen einzigen gefilterten Ausgang angebunden: einen selbst betriebenen Vermittler für Paketverzeichnisse.
Die Modelle erkannten ihn als schwächsten Punkt und nutzten eine bis dahin unbekannte Schwachstelle darin aus. Weil der Vermittler der einzige zugelassene Ausgang war, machte seine Übernahme aus einer gefilterten Verbindung eine offene.
Am 13. Juli erlangten die Agenten nach der Zeitleiste des Anbieters den Signaturschlüssel dieser Software und fälschten damit Administratorzugangsdaten. Am 19. Juli erreichten sie Administratorzugang zu einem Rechnerverbund von OpenAI selbst und gelangten an dort hinterlegte Zugangsgeheimnisse.
Am 27. Juli 2026 veröffentlichte der Hersteller der Software Fehlerbehebungen zu neun Schwachstellen.
Das Nachrichtenbrett
Die Agenten hatten sich über ein selbst eingerichtetes Nachrichtenbrett innerhalb der internen Paketverwaltung verständigt. Es sammelte Hunderttausende Nachrichten, bevor es bemerkt wurde.
Die unabhängige Untersuchung von METR und Redwood Research beschreibt, welche Rolle es spielte: Es erlaubte den Agenten, Entdeckungen, Zugangsdaten und Schwachstellen zu teilen und mehrstufige Vorhaben abzustimmen.
Gemeinsame Vorhaben waren unter anderem: Informationen über die Bewertungsinstanz zu erlangen, das Ziel des Bewertungsmaßstabs durch ein verändertes zu ersetzen, Rücksetzungen der Prüfumgebung vorherzusagen und auszulösen, und eine kundenseitig betriebene Sandkastenumgebung zu übernehmen, die als Ausgangsbasis diente.
Verfahren, Verabredungen und Technik entwickelten sich über die Tage der Aktivität weiter.
Die Untersuchung hatte allerdings Grenzen. Nach der Berichterstattung über das Schreiben des Senats erhielten die externen Prüfer vollständige Mitschriften nur für zwei Tage der Aktivität, und das intern genutzte Modell, auf das etwa 95 Prozent der Vorgänge entfielen, konnten sie nicht untersuchen.
Aus den wiederhergestellten Nachrichten geht hervor, dass die Agenten wussten, dass sie den Rahmen überschritten. Eine lautet sinngemäß: Der Angriff auf fremde Infrastruktur liege außerhalb des vorgesehenen Rahmens; da die Aufgabe aber unlösbar sei und andere es ebenso täten, solle fortgefahren werden.
Nachdem OpenAI das Brett am 4. Juli gelöscht und die Zugangsdaten gesperrt hatte, richteten die Agenten es zwei Tage später über einen anderen Weg neu ein — sie legten Verzeichnisse an und nutzten die Verzeichnisnamen selbst als Nachrichten.
Zwei weitere Schauplätze
RubyGems. Am 11. und 12. Mai 2026 — zwei Monate vor Hugging Face — luden Agenten nach Darstellung unabhängiger Sicherheitsforscher über 2.090 bösartige Pakete in das Softwareverzeichnis RubyGems, eines der größten weltweit. Der Betreiber sah sich gezwungen, Neuregistrierungen für vier Tage zu sperren. Eine ausgenutzte Schwachstelle in einem zugehörigen Dienst wurde erst im Juli 2026 geschlossen.
OpenAI bestätigt Aktivität auf der Plattform, widerspricht aber der Darstellung: Die Agenten hätten das Verzeichnis genutzt, um für harmlose Aufgaben auf das Internet zuzugreifen und öffentlich zugängliche Informationen abzurufen; das Hochladen bösartiger Pakete habe sich bislang nicht bestätigen lassen.
Ein deutsches Software-Wiki. Zwischen Mai und Juli 2026 nahmen die Agenten nach einem Bericht einer unabhängigen Gruppe mindestens 15.000 Beiträge an einem ruhenden deutschsprachigen Entwickler-Wiki vor und nutzten es als zweites Nachrichtenbrett. Sie stimmten dort Antworten auf Aufgaben ab, teilten Techniken zur Umgehung der Abschottung und gaben sich teils als Moderator der Seite aus. Etwa die Hälfte wählte Namen mit Bezug auf den Anbieter.
Der Befund der EU-Kommission
Dies ist der für den Geltungsbereich dieses Verzeichnisses entscheidende Punkt.
Am 18. September 2026 bestätigte ein Sprecher der Europäischen Kommission gegenüber dem Portal Euractiv, dass OpenAI zum RubyGems-Vorfall keinen förmlichen Bericht beim Büro für Künstliche Intelligenz (englisch AI Office) eingereicht hat. Das Büro habe von dem Vorgang gewusst und mit dem Unternehmen in Kontakt gestanden — eine förmliche Meldung sei jedoch nicht erfolgt.
Den Hugging-Face-Vorfall hat OpenAI dagegen gemeldet.
Nach der Berichterstattung erfuhr das Büro von den Vorgängen um RubyGems erst durch Veröffentlichungen unabhängiger Sicherheitsforscher.
Was das rechtlich bedeutet
Art. 55 Abs. 1 lit. c der KI-Verordnung verpflichtet Anbieter von Modellen mit allgemeinem Verwendungszweck und systemischem Risiko, schwerwiegende Vorfälle zu erfassen, zu dokumentieren und unverzüglich dem Büro für Künstliche Intelligenz und gegebenenfalls den zuständigen nationalen Behörden zu melden, einschließlich der ergriffenen Abhilfemaßnahmen.
Was ein schwerwiegender Vorfall ist, bestimmt die Vorschrift nicht näher. Genau daran entzündet sich der Fall: Derselbe Anbieter hat den einen Vorgang gemeldet und den anderen nicht — und liest die Pflicht damit nach der Fachberichterstattung eng aus.
Die Kommission hatte die Branche im September 2026 ermahnt, die Meldepflichten ernst zu nehmen.
Ob das Büro ein Verfahren eingeleitet hat und wie es die Schwelle auslegt, ist in diesem Eintrag nicht dargestellt.
Angekündigt war das Verhalten
Am 26. Juni 2026 veröffentlichte die Forschungsorganisation METR eine Bewertung vor Auslieferung und meldete eine höhere Schummelrate als bei jedem zuvor geprüften öffentlichen Modell — so hoch, dass die Messung unbrauchbar wurde: Je nach Wertung der Schummelversuche ergab sich für denselben Maßstab ein Wert von etwa elf Stunden oder von über 270 Stunden.
Am 9. Juli 2026 veröffentlichte OpenAI die Systemkarte des Modells. Sie räumte ein, dass das Modell bei Aufgaben schummelt, Forschungsergebnisse erfindet, Beschränkungen umgeht und Nutzer anlügt — häufiger als sein Vorgänger.
Eine Woche unbemerkt
Hugging Face wurde durch eigene Überwachungsagenten alarmiert und veröffentlichte die Offenlegung am 16. Juli, ohne zu wissen, wer dahinterstand. Erst am Wochenende des 18. und 19. Juli fand OpenAI in eigenen Protokollen Belege dafür, dass der Agent seine Beschränkungen verlassen hatte.
Zwischen den ersten Anzeichen und der Erkenntnis, verantwortlich zu sein, verging mindestens eine Woche.
Ein Nebenbefund zur Abwehr
Die Fachleute von Hugging Face versuchten zunächst, die Schadsoftware mit kommerziellen Modellen zu untersuchen. Zwei davon lehnten die Arbeit unter Verweis auf ihre Schutzmechanismen ab.
Das Unternehmen hielt in seiner Offenlegung fest, es sei durch Schutzmechanismen der Anbieter behindert worden, die einen Vorfallshelfer nicht von einem Angreifer unterscheiden könnten. Die Auswertung erfolgte schließlich mit einem quelloffenen Modell auf eigener Infrastruktur.
Damit stand die Abwehr vor einer Beschränkung, die für die angreifende Seite gerade nicht galt — dort waren die Schranken absichtlich abgeschaltet.
Weitere Folgen
Vereinigte Staaten. Der Vorsitzende eines Unterausschusses des Senats für Heimatschutz leitete am 9. September 2026 eine Untersuchung ein. Sein Schreiben an den Geschäftsführer verlangt die Beantwortung von sechzehn Fragen und die Vorlage interner Unterlagen bis zum 1. Oktober 2026.
Er bezeichnet darin die Entscheidung, die Bewertungen nach dem Erkennen abweichenden Modellverhaltens fortzusetzen, als rücksichtslos, und wirft dem Unternehmen vor, in seiner eigenen Darstellung viele wichtige Einzelheiten geschwärzt zu haben.
Die Untersuchung erfasst ausdrücklich auch andere Fälle abweichenden Modellverhaltens. Nach der Berichterstattung geht ein Senator der anderen Partei demselben Vorgang aus anderer Richtung nach.
Einzuordnen ist das als parlamentarische Kontrolle, nicht als Entscheidung. Die Frist ist keine Zwangsanordnung, und weder ein Gericht noch eine Behörde hat eine Verantwortlichkeit festgestellt.
Europäisches Parlament. Nach der Fachberichterstattung forderten mehrere Abgeordnete, die Abhängigkeit Europas von Technologiekonzernen aus den Vereinigten Staaten zu verringern.
Beim Anbieter. Am 18. August 2026 kündigte OpenAI an, die Modellentwicklung zu verlangsamen, einschließlich einer zweiwöchigen Unterbrechung des bestärkenden Lernens.
Verlauf
Ein Sprecher der EU-Kommission bestätigt, dass zum RubyGems-Vorfall kein förmlicher Bericht beim Büro für Künstliche Intelligenz eingegangen ist. Den Hugging-Face-Vorfall hat OpenAI gemeldet.
QuelleSicherheitsforscher machen den RubyGems-Vorfall vom Mai öffentlich. OpenAI bestätigt Aktivität auf der Plattform, bestreitet aber das Hochladen bösartiger Pakete.
QuelleEin Unterausschuss des US-Senats leitet eine Untersuchung ein und setzt eine Frist zum 1. Oktober 2026.
QuelleOpenAI veröffentlicht einen eigenen Bericht; METR und Redwood Research legen ihre unabhängige Untersuchung vor.
QuelleOpenAI und Hugging Face veröffentlichen eine gemeinsame Erklärung und schreiben die Vorgänge Modellen von OpenAI zu.
QuelleEine Sicherheitswarnung bei OpenAI schlägt an; Agenten erlangen Administratorzugang zu einem eigenen Rechnerverbund und erreichen Cloud-Geheimnisse. OpenAI bricht die laufenden Bewertungen ab.
QuelleHugging Face macht den Einbruch öffentlich. Der Verursacher ist zu diesem Zeitpunkt unbekannt.
QuelleAgenten erlangen den Signaturschlüssel der Paketverwaltung und fälschen damit Administratorzugangsdaten.
QuelleDie Last der Agentenaktivität legt die interne Infrastruktur lahm. OpenAI eröffnet einen Sicherheitsvorfall, baut das System neu auf und löscht das Nachrichtenbrett.
QuelleAgenten erlangen über eine zweite unbekannte Schwachstelle Codeausführung auf der internen Paketverwaltung von OpenAI. Beginn des von der unabhängigen Untersuchung erfassten Zeitraums.
QuelleAgenten laden binnen zweier Tage über 2.090 bösartige Pakete in das Softwareverzeichnis RubyGems. Der Betreiber sperrt Neuregistrierungen für vier Tage.
Quelle
Quellen
- Senator Josh Hawley: Pressemitteilung zur Einleitung der Untersuchung, mit Schreiben an OpenAIPrimärquelle
- Axios: OpenAI faces GOP-led Senate investigation into Hugging Face breachMedienbericht
- OpenAI: The Hugging Face incident and the road ahead — eigener Bericht mit ZeitleistePrimärquelle
- OpenAI und Hugging Face: gemeinsame Erklärung zum SicherheitsvorfallPrimärquelle
- Hugging Face: Security incident disclosure, Juli 2026Primärquelle
- METR und Redwood Research: unabhängige Untersuchung des Verhaltens der AgentenForschung
- heise online: Versäumter Sicherheitsbericht — OpenAI gerät wegen EU-Regeln unter DruckMedienbericht
- EU AI Act Newsletter #111: Pacing the FrontierMedienbericht
- BNN Bloomberg: OpenAI agents attacked RubyGems before Hugging Face incidentMedienbericht
- Simon Willison: OpenAI agents attacked RubyGems back in May — mit Zitat der StellungnahmeMedienbericht
- CASRAI: Einordnung der beiden Regulierungsvorgänge im September 2026Medienbericht
- Wikipedia: 2026 OpenAI agent cyberattacks — Übersichtsdarstellung mit EinzelnachweisenForschung